Schlimmer als Lieblingsstifte

Cocolina ist ja noch den Bericht vom Kreativen Schreibkurs schuldig. Die geneigte Leserschaft möge das lange Warten verzeihen – Cocolina musste erst mal verdauen. Nach dem Satz von den mitzubringenden Lieblingsstiften hat sie ja einiges erwartet. Aber wie so oft hat das Leben die Vorstellung überholt. Und wie!

SmileySamstag, 9 Uhr, Kurslokal in der großen Stadt. Erwartet werden sichtlich sechs Teilnehmer, denn an ebenso vielen Plätzen liegen Unterlagen. Und dazu jeweils ein Smiley. Jawohl, die kleinen grinsenden Dinger, die schon in der Unterstufe von der Religionslehrerin verteilt wurden, und die Cocolina schon damals idiotisch fand. In der Mitte des Tisches – man hat’s geahnt – Buntstifte, Filzstifte, diverse andere Stifte in diversen anderen Farben. Die Kursleiterin entschuldigt sich, dass sie auf Wasserfarben verzichtet habe. Cocolina kann nicht entscheiden, ob das jetzt ernst gemeint ist oder doch so was wie Ironie rausblitzt. Sie entscheidet sich schlussendlich gegen die Ironie, ist wahrscheinlicher.

Das Highlight jedoch steht direkt vor der Seminarleiterin: Eine KLANGSCHALE in Miniatur-Ausgabe. Stilsicher auf einen Mini-Pouf aus rot-grünem Leder mit goldener Stickerei platziert.

Die drei Stunden hinterlassen in Coolina gemischte Gefühle. Einerseits versucht die Seminarleiterin einen Überblick über das Kreative Schreiben zu geben, was ihr halbwegs gelingt – allerdings kommt nichts hervor, was Cocolina nicht bereits mit ein bisschen Internet-Recherche selbst herausgefunden hat. Schön ist, dass die Seminarleiterin betont, dass man kreatives Schreiben „auch brauchen kann, wenn man in einem Büro schafft und ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit machen darf.“ Cocolina kringelt sich innerlich.

Eher krümmen muss sie sich dann, als es zum Thema „individuelle Bilder“ geht, und ihr etwa 60jähriges Gegenüber (Typ verhärmte Sekretärin) allen Ernstes  aus einem ihrer Schulaufsätze zitiert: „Meine Mutter machte Augen wie Räder“, und daraufhin eine Diskussion losbricht, was man sich da jetzt für Räder vorstellen könnte…

Auch ein bisschen Theorie gibt es, es werden die diversen Spielarten von Kreativem Schreiben durchgegangen. Wissenschaftliches Schreiben – so die Seminarleiterin kategorisch – gehöre für sie aber natürlich nicht dazu, das sei nur in der Lehre vom K.S. so aufgezählt, sozusagen der Vollständigkeit halber. Da ist Schluss mit Lustig bei Cocolina, hier muss Aufbegehren her. Unvermutet wird sie von der Sekretärin unterstützt – ein kurzer Moment der Einigkeit an diesem absurden Vormittag.

Das Handout zum Kurs spricht dann auch Bände: Seiten über Seiten Kopien aus Büchern und von Gedichten – ohne Autorenangabe, ohne jede Quelle, und vor allem ohne die winzigst erkennbare Absicht, ein Copyright zu wahren. Allein auf ein paar mit WordArt gestalteten Blättern steht das Copyright der Seminarleiterin (ach ne!). Hier kann sich Cocolina nun gar nicht mehr zurück halten: Gerade jemandem, der sich mit geistiger Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient, sollte Zweck und Sinn, Nutzen und vor allem die (rechtliche) Bedeutung des Copyrights klar sein. Aber was soll man sich erwarten von jemandem, der mit unschuldig aufgerissenen Augen erklärt: „Die Kopien habe ich in anderen Seminaren bekommen, die geben wir alle untereinander weiter!“ Bei so viel Ignoranz fällt auch Cocolina dann nichts mehr ein.

Nach einer Woche des Verdauens kann Cocolina zumindest sagen, dass die drei Stunden sich gelohnt haben: Sie weiss jetzt, was sie nicht will: Klangschalen, Jolly-Stifte, Smileys und Menschen, die wissenschaftliche Arbeit als unkreativ bezeichnen. Das spannende Thema Kreatives Schreiben wird sie weiter verfolgen. Aber auf ihre Art: Mit einem wissenschaftlichen Lehrbuch, das bereits auf ihrem Tisch liegt. Denn der Herr Lutz von Werder, der selbiges geschrieben hat, sieht nicht so aus, als würde er Klangschalen auf rot-grünen Mini-Poufs besitzen.

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