Gastbeitrag: Reisen im Dienst

Cocolina freut sich heute über eine Premiere: Erstmals gibt es hier einen Gastbeitrag zu lesen. Mirijam ist nach Wien gereist – und hat darüber einen Gastbeitrag verfasst. Vorhang auf, und viel Spaß bei der Lektüre! (Übrigens, auch Cocolina ist kürzlich gereist – auch diese Erlebnisse werden natürlich hier geteilt, also dranbleiben…)

Reisen im Dienst

Es sind diese Tage, an denen man eigentlich glaubt, gewisse Stadien des Reisens (per Anhalter, mit Rucksack, im Stehen, in der Holzklasse, zu Fuß, usw.), die sehr viel mit begrenzten Geldmitteln zu tun haben, hinter sich zu haben. Eigentlich.

Eigentlich bucht die Sekretärin immer einen Platz mit Tisch, damit ich mich auf elends langen Zugfahrten vom schönen Teil Österreichs (dem Westen) in den angeblich wichtigen Teil Österreichs (den Osten, weil da Hauptstadt) nicht ausschließlich der Muse hingebe und auch ein bisschen was arbeite. Eigentlich klappt das immer, nur leider hat das „eigentlich“ an diesem Tag nicht geklappt. Gut, Zwangspausen sind auch in Ordnung und auf wackeligen Tischchen erstellte Korrekturen für die Schüler sicher nicht. Gut, ich hab‘ ja zwei Bücher dabei und kann ein bisschen lesen. „Gut“ ist nichts in diesem Zug.

In meinem Abteil gibt es ein sogenanntes „Kinderkino“. Dieses „Kinderkino“ ist in Wirklichkeit ein von den Chinesen kopiertes Folterinstrument, das sich stark an die chinesische Wasserfolter anlehnt. Obwohl KEIN Kind im Abteil ist, nicht ein einziges – ich hab‘ nachgesehen, ehrlich, da ist kein Kind gewesen – läuft dieses „Kinderkino“, mit einem launigen, leierhaften, lautstarken und mir die Laune verderbenden Ton durch. Jeder Durchgang dauert ca. 45-60 Minuten. Meine Zugfahrt beginnt um 12.17h, mit meinen Nerven bin ich spätestens in Salzburg (ca. 16.17h) am Ende. Der Schaffner kann auch nicht helfen, weil die Macht über dieses sinnlose Folterinstrument nicht dem allmächtigen Schaffner gegeben ist, sondern dem „Mann mit dem Servicewagen“. Da wir im letzten Waggon sitzen und der „Mann mit der Servicewagen“ offensichtlich keinen Bock hat uns zu besuchen, genießen meine Mitreisenden und ich dieses „Kinderkino“ ca. sechs bis sieben Mal hintereinander. Sollte ich jemals beim Hören eines ABC-Kindersongs ferngesteuert einen Mord begehen, wissen jetzt alle, warum.

Aber, wir alle haben gelernt, Dinge, die wir nicht ändern können, hinzunehmen. Also nehme ich es hin und freue mich auf einen – soweit das möglich ist – entspannten Abend im Hotel – mit dem sehnlich erwarteten Schreibtisch, einem guten Glas Tee und schmeichelnder Stille. Aber, wir wissen auch: „Mitten im Chaos sprach eine Stimme zu mir: ,Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!‘, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer…“

Nachdem ich erfahren habe, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Ibis-Hotel (Gewinner) und dem Ibis-Budget-„Hotel“ (Verlierer), und ich in diesem Fall zu den Verlieren zählen sollte, betrete ich meinen bunkerähnlichen Aufenthaltsort, dessen Charme stark an eine Gefängniszelle erinnert. Die Dusche ohne Abtrennung in meinem Zimmer (so mies war nicht einmal mein Studentenwohnheimszimmer oder die Jugendherberge in Rom (da gab es zwar nur kaltes Wasser, aber man konnte immerhin den Raum abschließen)), der Blick nach draußen des im Halbparterre gelegenen „Zimmerbunkers“ eröffnet ein Panorama auf einen trostlosen Hinterhof mit Müllcontainern und gelegentlich vorbeistapfenden Hosenbeinen, komplettiert von einem „Schreibtisch“ in der Größe, wie sie für Puppenstuben angeboten werden. „Das Bett, lass bitte wenigstens das Bett gut sein…“ Tja, ich kam, sah, testete und falle auf ein Brett. Nicht in ein Bett, sondern ein Brett. Also erweist sich auch das Bett in seiner wörtlichen Bedeutung als Euphemismus, wie die Bezeichnung „Hotelzimmer“ in diesem Zusammenhang ganz insgesamt. Aber Brett-Bett ist ein schönes Stilmittel und meine Schüler und Schülerinnen sollen in diesem Text auch etwas finden können.

Weiter geht es mit den sanitären Einrichtungen, auch die bringen einen – wenn man es positiv sehen will – weiter. Urinstinkte, wie das Verschließen der Toilettentüre (im eigenen Zimmer) müssen rasch überwunden werden. Zudem sind Schnelligkeit und Souveränität im Dunkeln gefragt. Sollte der Gang der Erleichterung (der dafür vorgesehene Raum erinnert stark an Harry Potters „Zimmer“ unter der Treppe, nur mit Klo statt Bett) nämlich länger als eine Minute dauern, erlischt das Licht. Aber da ich praktisch veranlagt bin – und ich weiß, dass mich hier kein Zauberer und nein, auch kein Prinz mit Pferd und nein, auch kein Pferd retten werden – packe ich mein haptisches Nachtsichtgerät (Hände) aus und schaffe es mit burlesken Wedelbewegungen die Lichtquelle wieder zum Strahlen zu bringen. Das ist die schöne Variante. Ein Tritt gegen die Tür ohne Schloss und Riegel hätte es auch getan.

Nachdem ich also meine zahlreichen Waschutensilien (genau unglaubliche fünf an der Zahl) kunstvoll um das Waschbecken von der Größe eines Goldfischglases drapiert habe, versuche ich das Beste aus meiner Situation zu machen…

… Nachts um halb eins versende ich folgende WhatsApp-Nachricht: „Die Prinzessin ist sauer: Bett: bretthart, da könnt ich gleich am Boden schlafen. Nachtbeleuchtung überm Kopf lässt mich nicht schlafen, es wummert die Musik und meine Zimmernachbarn sitzen geräuschtechnisch quasi neben mir im Bett. So geht das doch nicht. Die sind doch hirnverbrannt uns da unterzubringen! Wenn morgen der Kaffee nicht gut ist, raste ich aus.“

Aber, wir verlieren ja unseren Humor nicht, mit dem sich alles besser ertragen lässt, gerade wenn man zuletzt lacht. Daher versuche ich es am Morgen einfach mal positiv zu sehen: Für Automatenkaffee war‘s guter Kaffee. Der in Intervallen auftretende Pfeifton ab 6.30h und die Baustelle ab 7.15h sind liebliche Großstadtgeräusche, die einfach nicht ganz so nett sind, wie das Vogelgezwitscher in Rankweil. Fast, aber nicht ganz. Und man lernt, sein eigenes Bett unabdingbar zu lieben und man verspürt den Wunsch, sich an diesem festzuketten, um nie mehr in einem Holzklasse-ich-ruinier-deinen-Schlaf-und-Rücken-Brett-Bett schlafen zu müssen, was zeigt, wie wichtig, die einfachen (Zirbenbett-und-normale-Matratzen-)Dinge sind.

Dann gibt es natürlich noch das Frühstückspuzzle, mit mikadoesken Zügen. Wie bekomme ich eine Tasse und einen kleinen Teller auf ein winziges Tablett (der geneigte Leser merkt hier vielleicht, budget bedeutet vielleicht doch nicht low, sondern eher mini) uuuuund wie schichte ich Marmelade, Käse und Semmeln drum herum, ohne, dass die Konstruktion gleich als „Schiefer Turm von Wien“ von der UNESCO unter Denkmalschutz gestellt wird.

Unvergessen auch die freundliche „Hotel“-Angestellte, die mit ihrer Stimme, dem Singsang eines leichten Sommerwinds gleichend, freundlich und zuvorkommend fragt, ob ich die Geheimdienstüberprüfung bestanden habe und ein polizeiliches Führungszeugnis dabei habe, um mich an dem sensationellen Frühstücksbuffet made and sponsored by Lidl (lohnt sich nicht) erquicken zu dürfen. Der Code dafür lautet: „Welches Zimmer haben Sie?“ Sie elende Schwerverbrecherin, die Sie bestimmt keine Berechtigung haben, an diesem Frühstücksbuffet zu stehen, weil einen Passagierschein A38 haben Sie sicher auch nicht. Nein, habe ich nicht. Dafür einen blauen Punkt auf meiner Hotelkarte, der mich dazu berechtigt, an diesem Wahnsinn teilhaben zu dürfen und den ich stolz vorzeige.

DANKE, Mirijam, für den ersten Gastbeitrag auf Cocolina in Switzerland!

2 Gedanken zu “Gastbeitrag: Reisen im Dienst

  1. Wir hatten im Februar das zweifelhafte Vergnügen, in einem solchen Hotel zu übernachten. Wiewohl ich mir Hotelnamen nie merken kann: diesen werde ich nicht vergessen. Damit ich auch nienienie wieder in einem solchen Bunker wach liegen muss. Vollstes Verständnis!

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  2. Ich übernachte gerne in Ibis Hotels. Einfach und relativ günstig. Allerdings nicht in der Budget Variante.

    Wie sagte meine Tochter vor mehr als 10 Jahren: ‚Zum günstig zu dritt zu übernachten geht es schon doch das Frühstück hätten wir selber aus dem Malbuch ausschneiden können.‘
    Wo sie recht hat!

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