Das Familientreffen II

Nun wollte doch Cocolina möglichst eingängige Anekdoten aus dem Familientreffen mitnehmen. Und dann: nix davon, liebe Leserschaft. Das ganze Treffen war – in zwei Worten zusammengefasst – wohltuend unspektakulär.

Im Mittelpunkt: Ein Gasthof in einem kleinen Schiort, Paradebeispiel des blühenden Schitourismus der Siebziger in der Schweiz, heute immer noch ruhend im Abglanz der längst vergangenen glorreichen Zeiten – gleich den Regionalverantwortlichen und (Schweizer) Tourismusexperten gleichsam staunend angesichts der Tatsache, dass die Gäste seit Jahren lieber im benachbarten Österreich den Schnee suchen, sind doch die letzten Investitionen in Liftanlagen, Hotels und Infrastruktur erst 50 Jahre her.

Nichtsdestotrotz, der Gasthof ist wunderschön gelegen inmitten der Schweizer Berge. Von der das Familientreffen organisierenden Cousine allerdings nicht aufgrund der idyllischen Lage ausgesucht, sondern – eben – als Mittelpunkt, der verschiedenen Anfahrtswege aus allen Himmelsrichtungen geschuldet.

Die Einladung lautet auf 12 Uhr mittags. Und dann kommt es zu einem jener Schweizer Phänomene, an die sich Cocolina als gelernte Österreicherin wohl nie gewöhnen wird: Um 11.55 sind alle da. Alle! Wirklich! Keiner kommt zu spät! Cocolina findet das jedesmal wieder verwirrend. Sie ist allerdings die Einzige – allen anderen kommt gar nicht in den Sinn, dass das nicht normal sein könnte.

Einen kurzen Apéro später (wieder so eine Schweizer Eigenheit, aber das ist eine andere Geschichte) begibt man sich zum Mittagessen. Serviert wird: Hackbraten!! Das Verlegenheitsessen jeder Hausfrau! Aber anscheinend die Hausspezialität, rundum passend dazu erst die Gemüsebouillon, dann Salat, zum Hackbraten (schon gut, er ist fein, aber immer noch Hackbraten!) werden Saisongemüse und Pommes Frites gereicht, abgerundet wird das Menü mit Creme Caramel und Kaffee. Die altmodisch-konservative Menügestaltung spiegelt sich wider in der Inneneinrichtung, und Herr K. überlegt sich ernsthaft, wie man es anstellen könnte, eines der kleinen Beistelltischchen heimlich ins Auto zu verfrachten – die perfekte Ergänzung zu den geliebten Esszimmer-Stühlen, die noch von Opa K. stammen.

Einige Stunden nach der pünktlichen Ankunft ist alles überstanden. Zu viel gegessen, einige auch zu viel getrunken, zu wenig Bewegung – damit beschließt sich ein Familiennachmittag, wie er wohl im Buche stehen könnte. Der schwerhörige Großonkel, die jammernde Cousine, die gebrechliche, aber geistig äußerst agile Großtante, der Cousin mit der steilen Karriere, der andere mit dem schrägen Hobby, die quirligen Schwestern, die mühelos die halbe Gesellschaft im Alleingang unterhalten könnten, … – sie alle waren da. Wie in jeder guten Familie halt. Wohtuend unspektakulär. Und ob die gegenseitigen Versprechen auf ein baldiges Treffen von allen eingehalten werden – Cocolina wagt es zu bezweifeln. Wäre doch eine Abweichung von der Norm, irgendwie.

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